2plus2plus2 AG

Plagiat, goldene Ohren und Klangkunst – Surround ganz im Zeichen des High End

Original Dresdener Klangpracht

Kunst-Raum als Raumkunst

Die Uraufführung – eine klangliche Realisierung

Stereo ohne Grenzen

Während Surround-Klang im Kino längst eine allgegenwärtige Selbstverständlichkeit ist,  scheint das vielseitige Hörerlebnis den High End-Stereo-Hörer eher zu verwirren: Zu neu und ungewohnt sind die Rundum-Klangeindrücke, noch dazu häufig (daten-) reduziert auf die heile Dolby digitale Filmton Welt – ein Klang, der dem stereoverwöhnten Audiophilen alles andere als „heilig“ vorkommt...

Aber auch in Europa setzen sich die hochauflösenden Tonformate DVD-Audio und SACD allmählich immer mehr durch, gefördert durch zahlreiche Wiedergabeketten höchster Qualität, die endlich ein gemeinsames Abspielen aller unterschiedlichen Tonformate möglich machen. Und nicht nur den Hörern mit den berühmten „goldenen Ohren“ wird klar, dass sich unter den Neueinspielungen in hochaufgelöster Mehrkanaltechnik manches audiophile Kleinod befindet. Ja,  möglicherweise verhilft die Surroundtechnik mancher Raum-Klangkunst erst zu ihrer authentischen Wiedergabe...

Dass auch der Erfinder des Surroundklanges in Deutschland nur zwei Ohren hatte, ist in zahlreichen Portraits dokumentiert. Er hieß Heinrich Schütz. Der junge Heinrich war soeben dem Knabenchor entwachsen, als er vor ziemlich genau 400 Jahren mit einem großzügigen Stipendium des Landgrafen von Hessen ausgestattet nach Venedig kam, um dort seine Klang- und Kompositionskunst zu vervollständigen. Hier faszinierten ihn – wie nicht anders zu erwarten – vor allem die klangprächtigen Musikwiedergaben im Dom San Marco: Unter der Leitung von Giovanni Gabrieli musizierte man gleichzeitig auf allen vier Emporen, die die Zuhörer symmetrisch umgaben. „Das ist Surround...“, und wer einmal die Lagunenstadt bereist, kann  heute noch die weltberühmte historische Kirche besuchen und sollte eine konzertante Aufführung als audiophilen Surroundmaßstab nicht versäumen.

Die Investition in Schütz‘ Ausbildung sollte sich für den Landgrafen indes nicht lohnen, denn der talentierte Musiker wurde vom sächsischen Kurfürsten „angefordert“. Seine Anstellung am Dresdener Hof  ab 1617 führte dann zu den ersehnten großen Aufführungen... Es muss ein völlig neues Klangereignis für die damaligen Hörer gewesen sein, wenn verschieden Solistenensembles, Solo-Instrumente, Orchester, Orgel, Capell- und Favoritchöre gleichzeitig und im Wechsel rundum von den Emporen erklingen...

Schütz der Erfinder des Surroundklanges?  Nein ganz bestimmt nicht – er müsste sich ja heftigen Plagiats-Vorwürfen aussetzen. Allerdings hat er die Raumklangkunst derart verfeinert und zu einem eigenen Stil geformt, dass seine Werke bis heute regelmäßig aufgeführt werden.

Original Dresdener Klangpracht

Die ungezählten Mitwirkenden der barocken Pracht­musiken sorgten schon um 1620 für bis dato ungeahnten Abwechslungsreichtum, besonders dann, wenn die Solisten, Instrumentalisten und Chöre auf verschiedenen Positionen im Raum verteilt musizierten. Welche Chance für die jetzt mögliche Mehrkanal-Aufnahmetechnik!  Wenn dann noch Spezialisten wie der Kölner Kammerchor und das Collegium Cartusianum unter Peter Neumann agieren, wird das Wohnzimmer zur Dresdener Hofkirche ...

Eine Neuaufnahme mit Schütz‘ Werken bringt nicht nur aufführungspraktische Fragen mit sich, sondern stellt auch an die Tonmeister und Ausführenden besondere Anforderungen.

Schütz hat für seine großbesetzten Psalmen eine mehrchörige Aufstellung der Klangkörper  an verschiedenen Stellen des Kirchenraums vorgesehen, so dass die Zuhörer von allen Seiten mit Klängen umgeben sind. Zeitgenössische Abbildungen dokumentieren die Aufstellung der verschiedenen Ensembles auf der umlaufenden Empore der Dresdener Hofkirche.

 

Abb. Darstellung einer festlichen Aufführung in der Dresdener Hofkirche.

Auf dieser Abbildung erkennen wir Schütz (dirigierend) inmitten seiner Sänger, die Posaunen auf der rechten Seitenempore, Streicher auf der linken Seitenempore, Pauken und ? auf der linken Brüstungsseite, Glockenspieler auf der rechten Brüstungsseite, und natürlich ist ganz oben die Orgel beteiligt.

Bei der vorliegenden Aufnahme wurden die einzelnen Chöre nicht nur unterschiedlich instrumental und vokal besetzt, sondern die Gruppen jeweils im Kirchenraum so verteilt, dass die Musik tatsächlich aus verschiedenen Richtungen und Entfernungen wahrnehmbar ist.  Ein genaues Klangkonzept war vorher mit dem Dirigenten abzustimmen. Hierzu wurden verschiedene „Emporen“ durch entsprechende Podeste hergerichtet – und durch die 2+2+2-Wiedergabe lassen sich selbstverständlich nicht nur die Richtungen, sondern auch die dreidimensionale Elevation (Erhöhung) der verschiedenen Klangquellen  im Raum erleben. Hinter der Continuo-Orgel, die sich mit Chitarrone und Violoncello bzw. Violone für alle Werke ständig vorne (unten) im Altarraum befand, war eine Chorempore aufgebaut, von der  z. B. der sechsstimmige Chor von Psalm 19 (Track 4) erklingt. 

Während sich bei Psalm 84 (Track 8) die beiden Favoritchöre vorne links und rechts oben auf der Empore gegenüberstehen, kommt bei Psalm 110 (Track 2) zusätzlich der Capell-Chor hinzu, der verstärkt durch Posaunen, Zinken und eine zweite Orgel hinter dem Zuhörer musiziert.

 

Abb. Mehrkanal-Aufnahmeplan für „Saul“ SWV 415 auf  MDG 932 1170-5 

vorne in der Mitte das Continuo (Orgel, Cello, Chitarrone,Baß), dahinter auf erhöhtem Podest die Solisten, links erkennbar die beiden Soloviolinen. Hinten befinden sich die beiden Chöre und eine zweite Orgel.


Die größte Überraschung bietet sicher das Responsorium „Saul, Saul, was verfolgst du mich“ SWV 415 (Track 11), wenn nach dem paarweise solistisch vorgetragenen Beginn plötzlich die beiden Favoritchöre hinter dem Hörer die klangliche Intensität enorm ausweiten (s. Abb.).

Natürlich hat Schütz auch beim festlichen Magnificat (Track 14) sämtliche klanglichen Dimensionen des Kirchenraumes ausgenutzt. Hier befindet sich der instrumentale Posaunensatz vorne rechts, die obligaten Violinen vorne links,  dazwischen – erhöht - die Solisten und die beiden instrumental verstärkten Favorit-Chöre wieder hinten im Raum.

Als sich Peter Neumann spontan für eine Mehrkanal-Aufnahme  der Werke Schütz‘ begeisterte, war noch nicht klar, dass auch der Dirigent ständig einen neuen Platz einnehmen würde: Tatsächlich sind die Entfernungen zwischen den Musikern teilweise schon so groß, dass an seinem angestammten Platz (vorne) die hinteren Chöre nur verspätet zu hören waren. Ein recht ungewöhnlicher Dirigierplatz exakt in der Mitte der Kirche löste dieses Problem sofort. (Und wer die überlieferte zeitgenössische Abbildung aus der Dresdener Hofkirche genau studiert, findet auch Schütz exakt in der Mitte zwischen allen seinen Musikern...)

(Aufnahme auf DVD-Audio: Heinrich Schütz, Musikalische Vesper, MDG 932 1170-5)

Kunst-Raum als Raumkunst

Doch nicht nur die historische Mehrchörigkeit ist von neuem Interesse für die Mehrkanalwiedergabe: Die spektakulären Raumerlebnis-Möglichkeiten des 2+2+2-Verfahrens haben nun auch Künstler inspiriert, sich dieser technischer Möglichkeiten bei der Umsetzung Ihrer Kompositionen zu bedienen.

Das Künstlerpaar Sabine Schäfer // Joachim Krebs, das seit den 90er Jahren durch außergewöhnliche Raumklanginstallationen international bekannt wurde, entschloss sich mit AquaAngelusVox eine erste Klangkomposition direkt in 2+2+2 Technik zu produzieren:

Ausgehend vom mittelalterlichen Weltbild der Hildegard von Bingen schafft AquaAngelusVox die Szenerie für eine Meditation über den Werdens- und Seinszusammenhang der Dreiheit Mensch, Natur und Kosmos: In Form eines aus seiner Mitte heraus wachsenden Raumklang-„Mandalas“ wird die mehrkanalige Komposition in kugelartiger Bewegungschoreographie entwickelt.

Die zunächst in absolut künstlichem Bewegungsablauf oszillierende „Quelle“, kontrapunktiert durch elektronisch „mikroskopierte“ Vogelstimmen steht in Kontrast zu den sehr natürlich aufgenommenen Frauenstimmen. Dabei kulminiert  das Klanggeschehen in einer realistisch eingefangenen  „Gewitterszene“ (Track 4)...

Wie jede musikalische Darbietung und Interpretation immer den umgebenden Raum akustisch mit einbezieht, ist auch gerade ein Werk, das „künstliche Räumlichkeit“ als ein wesentliches Gestaltungsmittel einsetzt, von der jeweils am Aufführungsort vorhandenen Akustik  beeinflusst. So enthält diese DVD-Audio nicht nur die „raumlose“ Originalkomposition, sondern auch die Uraufführung vom 4. Dezember 2003 in der evangelischen Kirche St. Osdag in Mandelsloh.

Die Uraufführung – eine klangliche Realisierung

Die Kirche St. Osdag in Mandelsloh ist in romanischer Bauweise errichtet, und wegen ihrer herausragenden Akustik und ihrer abgeschiedenen Lage wird sie bei vielen Aufnahmen und Konzerten klassischer Musik gerne benutzt.  Für die Uraufführung benutzten wir  ein 2+2+2 Lautsprecherset AURUM Titan der Firma QUADRAL und den Surround-Verstärker AVC-A1SR der Firma  DENON. Die vorderen Stereo-Lautsprecher hatten eine Basisbreite von 6,86 m und befanden sich im Kreuzschiff rechts und links vom Chorraum. Für die Surround-Lautsprecher ergab sich demnach der definierte Stellplatz im mittleren Bereich des Hauptschiffes. Für die beiden oberen Lautsprecher (AURUM 10) war in  diesem Fall eine Elevation von 3,43 m oberhalb der vorderen Stereo-Aufstellung (zu messen von Hochtöner zu Hochtöner) vorzusehen, um bei dieser Basisbreite eine normgerechte Aufstellung zu gewährleisten.

 

Abb. Kirche St. Osdag, Mandelsloh

Nachdem alle Lautsprecher sorgfältig auf denselben Schallpegel eingemessen waren,  zeigten erste Klangversuche, wie angenehm sich die Akustik und Weite des Kirchenraums dieser Aufführung mitteilt. Dabei ergaben sich hervorragende Hörplätze nicht nur innerhalb des von den Lautsprechern gebildeten Bereichs, sondern – wie für die 2+2+2 Wiedergabe typisch – auch außerhalb. Das Abspielgerät mit dem Originalband, sowie die Aufnahmegeräte befanden sich in einem eigens eingerichteten Regieraum im benachbarten Gemeindehaus.  Zur Klangkontrolle war hier eine weitere 2+2+2 Lautsprecheranlage aufgestellt, die es gestattete die Originalklänge und die feinen Raumanteile in Abstimmung zu bringen. Ohne Klangmanipulationen gelangte dann die Aufnahme auf die DVD und steht damit einer hochaufgelösten Wiedergabe zu Hause als Dokument ebenso zur Verfügung, wie die von den Künstlern konzipierte „Urfassung“, die in gleicher Weise für weitere Aufführungen eingesetzt werden kann.

(Aufnahme auf DVD-Audio: AquaAngelusVox, MDG 924 1245-5 (CD+DVD-Audio)

Stereo ohne Grenzen

Zwei Klangbeispiele, deren Uraufführungen den Zeitraum von  400 Jahren Musikgeschichte umfassen...

Bei diesen Anforderungen an die Wiedergabetechnik stößt die Stereophonie dann doch an ihre Grenzen, da die Klangereignisse ausschließlich von vorne dargestellt werden. Selbstverständlich müssen wir auch bei Stereo-Wiedergabe auf die entsprechenden hinteren Schallanteile nicht verzichten, da diese im Raum so platziert wurden, dass sich auch stereophon ein stimmiges Klangbild ergibt. Das gilt auch für die Schallanteile von oben, die auch in jeder Stereo-Aufnahme enthalten sind: Allein die Wiedergabe mit „nur“ zwei Lautsprechern bedingt eine auf zwei Dimensionen eingeschränkte Hörfläche.

Die wirkliche dreidimensionale Klangdarstellung dieser Aufführungen ist erst mit der mehrkanaligen Wiedergabe der DVD-Audio oder der SACD in 2+2+2 Recording möglich. Mit Hilfe dieses Aufnahme- Wiedergabeverfahrens, das die Mehrkanalmöglichkeit für ein Dreifach-Stereo nutzt, können die für den damaligen Hörer sicher überwältigenden Klangdimensionen der Schützschen Mehrchörigkeit ebenso wie die zahlreichen aktuellen, die modernen Klangräume einbeziehenden Werke erstmals realistisch zu Hause erlebt werden. Eine wirklich dankbare Herausforderung für jeden Tonmeister und eine große Chance für die Musik: Surround ganz im Zeichen von High End.

Werner Dabringhaus


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