Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

 

Erst die Höhe macht den Raum komplett

Ein bestechendes Mehrkanal-Konzept für Musikkonserven auf DVD-Audio.

Von Wolfgang Tunze

12. Juli 2003. Schließt der Zuhörer seine Augen, wird der schöne Schein zur Realität: Über ihm erhebt sich das 33 Meter hohe, gewaltige Kirchenschiff der Kathedrale von Saint Quen in Rouen. Durch das riesige Bauwerk braust die Toccata aus der Symphonie Nr. 5 in f-Moll des französischen Komponisten Charles-Marie Widor, die 15 Meter hohe Orgel entfaltet eine akustische Macht, die geradewegs auf die Seele zielt. Die Größe des Instruments muß der Hörer nicht erahnen - sie bildet sich beinahekörperlich wahrnehmbar vor ihm ab, selbst spezielle Register wie das hoch oben und ganz hin-ten eingebaute Récit lassen sich präzise orten, und die Tiefe des 135 Meter langen Sakralbaus verleiht dem Klang beinahe überirdische Dimensionen.

Kaum zu glauben: Für Erlebnisse dieser Art muß man nicht nach Frankreich reisen. Wir haben sie in einem Studio von der Größe eines bürgerlichen Wohnzimmers goutiert, mit handelsüblichen, beinahe handlichen Lautsprechern - kurz: im Abhörraum der Detmolder Klassik-Produzenten Dabringhaus und Grimm, und wer mag, kann sich musikalische Genüsse dieser Art in seine eigenen vier Wände holen, ganz ohne verwegenen Elektronik-Aufwand.

Die beiden Tonmeister schwören auf die Segnungen der Mehrkanal-Aufzeichnung, die es seit der Existenz passender Tonträger erlaubt, die räumli-chen Dimensionen musikalischer Ereignisse wirklich realitätsnah ins Wohnzimmer zu transferieren. Aber sie übernehmen nicht einfach das aus der Heimkino-Welt stammende Kanalschema 5.1. Denn der Center-Lautsprecher, eine der wichtigsten Errungenschaften der Kino-Beschallung, wirft für die Musikwiedergabe mehr Probleme auf als er löst: Seine nahtlose klangliche Integration gelingt wegen seiner von den Stereoboxen abweichenden Bauform und seinem Aufstellungsort oberhalb oder unterhalb des Bildschirms oft nur theoretisch. Und einen speziellen Tiefton-Effektkanal braucht man für Musik, zumal akustisch erzeugte, schon gar nicht. Also nutzten Dabringhaus und Grimm das Sechskanal-Angebot der neuen Tonträger - die beiden setzen im Wettstreit der Digitalformate auf die DVD-Audio - für eine Kanal-Anordnung ganz eigener Art: Zwei Tonzweige verwenden sie, wie üblich, für die Stereo-Lautsprecher rechts und links, zwei weitere für den rechten und linken Surround-Lautsprecher, und die übrigen beiden Kanäle speisen zwei Lautsprecherboxen, die ihren Stammplatz oberhalb der Stereoboxen haben.

Dieses Kanal-Schema, Dabringhaus und Grimm nennen es 2+2+2, überwindet erstmals Schranken, wie sie selbst die fünfkanalige Surround-Technik noch mit sich bringt. Sie eröffnet zwar, was Zweikanal-Stereo nie wirklich konnte, das musikalische Geschehen weit in die Tiefe. Doch die 2+2+2-Anordnung ergänzt diese Abbildung nun noch um die Höhendimension: Deckenreflexionen, die vom Volumen des Konzertsaals zeugen, ein Chor, der hinter den sitzenden Instrumentalisten aufrecht steht - all das läßt sich mit der Detmolder Raumklang-Konfiguration nicht nur erahnen, sondern wirklich hören.

Der technische Aufwand für 2+2+2-Wiedergabe hält sich in Grenzen: Neben einem DVD-Audio-Player und einem Verstärker oder Receiver mit sechs Endstufen braucht man ein anständiges Paar Stereoboxen und vier weitere Lautsprecher-Exemplare, die durchaus kompakt sein dürfen - das ist alles. Das fertig installierte Ensemble taugt sogar für die Wiedergabe von 5.1-Aufnahmen: Ein kleiner Umschalter, den man im Elektronik-Handel zu Preisen von 15 Euro an bekommt, legt dann das Center-Signal auf die beiden oberen Frontlautsprecher und delegiert den Tiefbaß-Effekt-Kanal, wie es sich gehört, an einen zusätzlichen Subwoofer. Diese Art der Wiedergabe funktioniert erstaunlich gut; der Sound gewinnt oft sogar, obwohl die Aufnahme es so gar nicht vorsieht, an Luftigkeit und Plastizität. Die 2+2+2-Wiedergabe funktioniert aber auch - dann allerdings unter weitgehender Einbuße der Höhendimension - in der 5.1-Lautsprecheranordnung einer typischen Heimkino-Anlage. Die oberen Frontkanäle landen dann im Center- und im Tiefton-Effektkanal, was keinerlei Kompatibilitätsprobleme aufwirft.

Kompatibilität ist ohnehin ein Trumpf der 2+2+2-Produktionen: In der Video-Sektion, die zu den Standard-Optionen des DVD-Audio-Formats gehört, fügen Dabringhaus und Grimm ihren Platten zwar keine Bilder, dafür aber weitere Tonspuren hinzu: eine in 5.1 Dolby Digital, und darüber hin-aus sogar eine unkomprimierte 2+2+2-Variante in Standard-PCM-Auflösung. Diese Alternativangebote zum hochauflösenden Sechskanal-Ton kann man mit ganz normalen DVD-Video-Playern abspielen, und sogar mit SACD-Kombi-Playern, die sich auf die DVD-Video-Wiedergabe verstehen. Selbst die zweikanalige Stereowiedergabe ist möglich. Bisher haben die beiden 2+2+2-Vorkämpfer zehn DVD-Audio-Titel in dieser Technik veröffentlicht, ihr Schallarchiv reicht für die kurzfristige Veröffentlichung von etwa weiteren 100 Scheiben, und aus audiophiler Sicht kann man ihnen nur wünschen, daß ihr Beispiel Schule macht.

Quelle: http://www.faz.net